Zurück in die Zukunft- Die Reise nach Esbjerg und meine “Ausbildung“ [personal]

Esbjerg - Stadt ohne mich

Ich stieg am Sonntag um 22 Uhr aus dem Zug aus in Esbjerg und fand mich wieder in einer Stadt die tot war. Es muss ein paar Minuten vorher noch geregnet haben. Zum Glück hat es aufgehört, denn in dieser Stadt fährt um die Uhrzeit kein Bus mehr. Also muss ich laufen. Ich muss zur Universität laufen. Richtig ich studiere in einer Stadt am Ende der Welt, wo die Bordsteine früh hochgeklappt werden. Esbjerg ist die dänische Hafenstadt an der Nordseeküste und einer Dreh und Angelpunkte für Ölplattformen und Off-Shore Windanlagen. Und dann kommt erstmal lange nichts und dann kommt fast ganz zum Schluss, vorm Bäcker und Blumenlanden,  auch eine Universität. In der Stadt gibt es rund 70.000 Einwohner und der Großteil davon arbeitet am Hafen und gibt sich Mühe jeden Tag das typische Bild eine Hafenarbeiters in meinem Kopf darzustellen. Konservative, wortfaule, langweilige, 9-5 Arbeitsmaschinen. Die morgens sich alle jeden Tag in den selben Pendelverkehrsstau stellen und nach der Arbeit in ihren Sportverein gehen.

Studentisches Leben gibt es hier eigentlich nicht. Es gibt ein paar kleine Kellerbars die von Studenten betrieben werden. Immerhin ist das Bier billig und man kann ein bisschen Dart, Billiard oder Tischfussball spielen. Die Studenten sind entweder kleine Kiddies, die noch zuhause wohnen in Esbjerg und es nicht nach Kopenhagen oder Aarhus geschafft haben oder ausländische Studenten, die auf das gute Außenbild der Universität reingefallen sind und möglichst schnell wieder weg wollen. So wie ich. Ja, ich mache meinen Master in Environmental and Resource Management an der University of Southern Denmark. Ein Programm, das so gut klang auf dem Papier, dass ich dafür Freunde, Freundin, Heimat, Business und Familie für ein Jahr lang zurück gelassen habe. Doch leider war es für mich ein sehr ernüchterndes Jahr. Die Professoren waren, bis auf weniger Ausnahmen, ich will nicht sagen schlecht, aber es war schon sehr nah dran. Keiner der Professoren war in irgendeiner Form ein Mentor oder ein Vorbild von dem man gerne etwas lernen will. Alle dort gehen nur ihren 9-5 Job nach, wie die Kollegen am Hafen. Die Kommilitonen waren schon nach wenigen Wochen enttäuscht und schraubten ihren Eifer zurück. Das Resultat war ein ständiges Meckern über die Uni und das konnte am besten nur mit Alkohol gekippt werden. (Vielleicht deswegen auch die Kellerbars mit billigem Bier? Vielleicht ist das subventioniert von der Uni?) Dazu kam der Winter, welcher 2 Monate lang nur graues Wetter bedeutete und Dunkelheit. So gab es auch in Esbjerg beinahe gar nichts zum festhalten.

Diese Gedanken an mein kurzes Leben in Esbjerg kamen mir wieder hoch als ich durch die Stadt lief in dieser Sonntagnacht. Ich lief wieder auf Nassen Boden auf den Straßen auf denen ich mich so unwohl unwohl gefühlt hatte. Jetzt ein Jahr später nachdem ich wieder nach Berlin gezogen war. Als ich mir angeschaut hab wie die Stadt so langsam in ihren Schlaf fällt nur um morgen wieder zur Arbeit zu rennen, ist mir erst bewusst geworden wie anders dieses Leben ist, als das welches ich zuhause in Berlin lebe. Mir kam es fast so vor, als wär ich all diesem, diesem langsamen Sterben, nur knapp entkommen. Auch wenn das überspitzt beschrieben sein mag, aber das ist kein Leben welches ich führen mag. Noch als ich in Esbjerg gelebt für ein Jahr habe, hatte ich es zu schnell akzeptiert. Akzeptiert, dass das Leben nun mal so ist. Man geht halt morgens zur Arbeit, man zahlt in die Rentenkasse ein und man macht sein Studium. Als ich merkte wie sich meine Perspektive und mein Leben verändert haben, musste ich laut lachen und dem Leben und der Welt ein großes Dankeschön aussprechen für dieses wunderbare Theater.

Dass es so kam verwundert fast ein wenig, denn im Vorfeld war ich kurz davor die Segel zu streichen. Meine Einstellung zum Studium und zu Arbeit hat sich enorm gewandelt in den letzten Monaten. Beeinflusst war ich hierbei eindeutig durch meine Erfolge bei EcoToiletten, aber auch durch das Buch “The Education of Millionairs” von Michael Ellsberg und durch Ben Paul von Anti-Uni.com. Das Studium ist für mich auf keinen Fall der beste Weg wenn man einen Job in mind. 3/4 der heutigen Wirtschaft haben will. Es ist zu wenig praxisorientiert. Das einzige was in der Regel praktisch relevant ist, wird ausgegliedert durch Praktika an die Unternehmen. Dann dürfen die sich um die Ausbildung kümmern. Besonders in Fächern die einen Wirtschaftsbezug haben ist es sogar fast hinderlich studiert zu haben. In anderen Fächern wie z.B. Philosophie oder Chemie ist es sicherlich sinnvoll sich mit theoretischen Sachverhalten auseinander gesetzt zu haben. Aber die Frage ist doch, was wollen denn junge Leute, bzw, was wird von Ihnen erwartet? Das ist meiner Erfahrung nach, ein gut bezahlter Job wenn man denn einmal fertig ist mit dem Studium. Zu mindestens fragt mich jedes Mal meine Oma, was für einen Beruf ich den mit meinem Studium machen kann. Doch heutzutage bei steigenden Studentenzahlen, sinkenden Budgets für Lehrstellen und schlechten Studienreformen ist der Wert vom Studium endgültig verweicht. Zudem sind die Vorstellung von Erfolg und Leben in der heutigen Generation Y nicht 1 zu 1 kompatibel mit dem starren Ausbildungssystem aus dem 19 Jh.

Die Wirtschaft braucht heutzutage einfach andere Fähigkeiten von seinen Mitarbeitern. Zum Beispiel muss man heute innerhalb kürzester Zeit etwas komplett anders lernen, man muss besser Kommunizieren können und vor allem kreativ arbeiten. Diese Fähigkeiten kann man vielleicht im Studium erlernen, wenn man Glück hat. Man lernt sie aber auf jeden Fall in dem die Dinge selber ausprobiert und von erfahrenen Leuten lernt, sehr viel schneller und effektiver. Hier ist Mentorship das Stichwort.

Aber zurück zu meinem Aufenthalt in Esbjerg. Ich kam also um kurz vor 23 Uhr dort an. Da ich am Eingang den Pincode vergessen hatte um ins Unigebäude reinzuholen, musste ich erst einmal jemanden suchen und bitten mich reinzulassen. Zum Glück gab es noch eine einzelne Seele die am Sonntagabend in den Ferien in der Uni sitzt. Im Unigebäude kann man 24h/7 rein und auch alle Räume nutzen, außer die Büros. Es gibt sogar eine Küche für Studenten. Also hab ich mir erst einmal Essen gemacht und in einem Konferenzraum meine Isomatte samt Schlafsack ausgerollt und die Nacht dort verbracht. Alles nur für eine mündliche Prüfung. Alles nur um von ein paar Leuten, die den ganzen Tag in ihrem Kämmerchen hocken den Beweis zu bekommen, dass man etwas gut kann (oder scheinbar nicht). Wenn die wüssten, dass in Deutschland rund 100.000 Leute in diesen Jahr unsere Toiletten auf Veranstaltungen genutzt und gesehen haben und dabei real Wasser, Chemie und Energie in großen Mengen eingespart haben. Aber das reale Leben zählt nicht.

Bei der Prüfung selber war nur einer der beiden Professoren anwesend und ich habe die Präsentation mit meinem PC im Sitzen abgehalten. Ich hätte das ganze also auch über Skype machen können. Dafür war das Ergebnis zufriedenstellend und es gab Kaffee.

Was habe ich gelernt bei dieser Reise? Eindeutig, dass es Wert sich von Zeit zu Zeit einmal in die Umgebung zurückzubegeben in der man früher einmal war. So kann man erst sehen, welche Entwicklung man selber genommen hat in der Zeit. In Esbjerg schien die Welt stehen geblieben, während ich die Welt bereist habe und Tonnen an Erfahrungen und Wissen gesammelt habe. Ich kam wieder mit breiten Schultern und war gefühlt 3m größer. Allerdings kam ich auch wieder mit der Fähigkeit den Abstand zu wahren, vor dieser Umwelt die nicht meinem Idealbild entspricht und in der ich nie wieder leben will.

Und wieso ich noch weiter studiere? Ich habe den Fehler gemacht für 2 Semester dort zu bleiben und brav alle Vorlesungen (und sogar noch mehr) zu machen. Aber das liegt weit zurück. Heute kann ich in meiner Abschlussarbeit die Themen bearbeiten die ich gerne machen möchte. In denen ich mich eh jeden Tag weiterbilde und über die ich gerne lese und schreibe. Dem ganzen einen kleinen Rahmen und externen Druck zu geben, hilft meiner Disziplin. Ob am Ende ein Stück Papier herauskommt, auf dem steht welches akademische Niveau ich habe, ist nur Randnotiz. Mein Ziel ist es selbstbestimmt und frei zu leben und zu arbeiten.

Niemand sollte Menschen nach einem Zettel urteilen, sondern anhand ihrer Fähigkeiten! 

Daran glaube ich!

Euer Kevin

 

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