7 Dinge die die Zero Waste Bewegung falsch macht

Zuerst ein paar einleitende Worte was überhaupt Zero-Waste ist und welche Gruppe von Leuten ich damit adressiere.

 

Zero-Waste bedeutet, wie die Übersetzung schon nahelegt, dass man einen Lebensstil pflegt der möglichst wenig Müll produziert. Ausgehend von der Motivation Müll zu vermeiden und damit zu verhindern, dass z.B. Plastik Müll in die Ozeane gelangen oder natürliche Ressourcen unnötig verbraucht werden.

 

Dabei geht es in erster Linie um die Vermeidung von Müll im eigenen Alltag als Endkonsument. Was vorher in der Produktionskette passiert ist zwar nicht irrelevant, aber nicht das finale Auswahlkriterium für oder gegen ein Produkt. Diese Bewegung ist Teil einer Gruppe die sich mit Umweltschutz beschäftigt. Wobei mir es scheint, dass die Motivation bei manchen Leuten auch reiner gesundheitlicher Natur ist, da sie z.B. keine synthetischen Reinigungsprodukte auf Ihrer Haut haben wollen.

 

Als jemand der sich für Umweltschutzthemen stark interessiert, habe ich natürlich auch das Thema stark verfolgt. Mittlerweile baue ich auch ein Projekt rund um das Thema Recycling und Müllvermeidung auf. Im Winter habe ich einen Zero-Waste Workshop bei Laura besucht und fortan meinen Müll reduzieren können. Es gab sogar eine Plastik-freie Woche in meiner WG. Im September war ich für eine Woche in einem Zero-Waste Seminar/Vernetzungstreffen in Baden-Württemberg.

 

Meine Einstellung zu dieser Bewegung ist also grundsätzlich positiv. Ich denke aber, dass einige Sachen nicht ideal laufen um wirklich signifikant viele Leute davon zu überzeugen. Denn wichtig ist, dass möglichst viele Leute ihren Konsum nachhaltiger gestalten. Immerhin ist Deutschland das Land mit dem dritthöchsten Müllverbrauch/per Capita in Europa (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/muell-deutsche-produzieren-mehr-abfall-als-die-meisten-europaeer-a-1040252.html)

 

 1. Sie spricht Männer nicht an und lässt damit 50% der Bevölkerung außen vor. Die meisten Akteure in der Zero-Waste Szene sind Frauen. Ich habe noch nicht ganz verstanden wieso das so ist und sicherlich bräuchte es eine ausführliche Gender Analyse dazu. Klar ist aber, dass es kaum Männer gibt die das Thema promoten und diese so nicht angesprochen werden. Viel wird über Hygieneprodukte gesprochen und insbesondere DIY-Pflegeprodukte scheinen der Heilige Grahl zu sein. Das spricht den typischen Mann nicht an. Wie wäre es denn mal mit Zero-Waste Barbecue oder nachhaltigen Elektronikgeräte?

 2. Sie ist zu elitär und spricht nur eine linke junge Mittelschicht an, größtenteils nur in den Städten. Im derzeitigen Bild ist es nicht attraktiv für jemanden mit wenig Einkommen seine Entscheidungen an Zero-Waste zu orientieren. Dies weniger, weil es günstiger wäre für sie, aber weil es nicht ihren bevorzugten Konsumverhalten entspricht.

 3. Sie beschuldigt die großen Konzerne für die Müllproduktion und ruht sich darauf aus. Zu oft, habe ich gehört dass ja die bösen Konzerne schuld daran seien, weil sie unnötig alles in Plastik einpacken. Aber niemand fragt sich wieso sie das tun. Und vor allem fragt sich niemand, wieso sie so verdammt groß geworden sind. Die Antworten liegen oberflächlich gesehen im Thema Convience und dass es Leute gerne so einfach wie möglich haben. Auf einer tieferen Ebene spielen noch weitere Faktoren mit rein (Stressresistenz, Agreeableness, etc.).

 4. Sie denkt nicht in Business-Modellen, sondern nur in Lösungen für den individuellen Verbraucher. Anstatt einen systematischen Weg zu finden um das Handeln der Leute in die richtige Richtung zu lenken, stützt man sich auf einzelne Aktionen.

 5. Man spricht zu oft über die hohe Menge an Plastikmüll in der Umwelt. Nicht, dass diese Aufklärung gut wäre, im Gegenteil sie ist nötig. Aber es ist für mich in meinem Alltag zu abstrakt und nicht relevant. Das Bild der Schildkröte mit Plastikmüll im Bauch hat nichts mit mir in einem täglichen Entscheidungen zu tun, zu mindestens nicht direkt und damit außerhalb meiner Wahrnehmung. Damit überzeuge ich nur Intellektuelle und nicht die breite Masse. Der Anreiz muss von woanders herkommen, am besten dadurch dass ich im Alltag entweder Zeit spare oder Geld oder Anerkennung.

 6. Der Begriff Zero-Waste ist nicht ideal für 100% Beteiligung. Zero-Waste ist nicht machbar, dass sagen alle die sich intensiv damit beschäftigen. Es ist eher ein Ideal oder ein Ziel, dass man nie erreichen wird. So ähnlich wie Erleuchtung im Buddhismus von nur wenigen wirklich erreicht wird. Der Begriff wirkt binär in einer Sache die nicht binär ist. Wieso bei Zero-Waste “mitmachen”, wenn ich nicht Zero-Waste gehen kann? Bringt mein Verzicht auf einen Strohhalm mich wirklich näher an die 0?

 7. Sie unterschätzen den Tipping-Point Effekt, an dem sich aus einer kleinen Bewegung eine Große entwickelt. Es wird einen Zeitpunkt geben, an dem Politik und Wirtschaft massiv in das Thema einsteigen wird. Dies aber erst wenn es relevant ist. Relevanz für schleichende Probleme wie das Thema Müll (im Gegensatz dazu das explosive Problem der Atomkraft, durch Fukushima), kommt auch schleichend. Doch über die Zeit kumuliert sich die Aufmerksamkeit. Es ist also absolut fatal heute zu sagen, dass ja nichts passiert und sich nie etwas ändern wird. Ein Nihilismus ist nicht angebracht und muss ersetzt werden mit Geduld, konstantem Engagement und Vertrauen auf den Tipping-Point in der Zukunft. Diesen Tipping-Point bestreiten wir übrigens aktuell in der Mobilitätsfrage. Wir als gesamte Gesellschaft sind uns mittlerweile einig, dass die Zukunft nicht im Verbrennungsmotor liegt. Diese Aussage hätte es vor 3 Jahren noch nicht gegeben. Dass der systematisch Umbau trotzdem lange dauert ist eine materialistische Frage und keine der Einstellung oder Glaubenssätze.

 

In einem kapitalistischen System entscheidet nicht Moral oder Ethik, sondern das Kapital. Das Kapital ist in Händen von Banken, Investoren, Fonds und Individuen, geschützt durch ein Rechtssystem. Dieses System ist pervers gut darin effizient Dinge herzustellen und Verhalten zu verändern. Dies ist möglich da es sich letztlich immer an der Knappheit von Geld und Zeit orientiert und Anerkennung und sozialen Status impliziert. So lange bis es nicht günstiger ist, signifikant mehr Zeit einspart oder für überdurchschnittliche Anerkennung sorgt, wird die Zero-Waste Bewegung klein und umrelevant bleiben für die breite Masse. Doch genau die bräuchte es, damit wir wirklich das Problem lösen.

 

Was denkt ihr?

 

Euer Kevin

 

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